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Zur Einsamkeit der Führungskraft -
Supervision für Führungskräfte
"Coaching" - eine neue
Wundermethode
Supervision klingt irgendwie
langweilig und fade. Da klingen doch die Begriffe aus der
Industrie und ihren Personalentwicklern
schon zupackender und frischer. "Coaching" heißt
dort die Formel, mit der das scheinbar Unmögliche realisiert
werden kann.
Wahre Begeisterungsstürme finden ihren Niederschlag in
der Gründung kleiner und großer Coaching - GmbHs,
die sich auf dem Markt der Fort- und Weiterbildung tummeln.
Fast alle großen deutschen Automobilhersteller besitzen
ihre eigene "Führungs-Akademie" oder "Coaching-GmbHs" und
der Volkswagen Konzern überlegt, ob er seinen international
250-300 Führungskräften für fünf Tage im
Jahr einen Coach zur Seite stellen soll. Ohne auf die Inhalte
einzugehen, für Volkswagen macht dies Sinn.
Macht dies auch Sinn in sozialen Unternehmen und Wohlfahrtsverbänden?
Wohlgemerkt, es geht nicht um richtig und falsch, gut oder
schlecht. Es geht um die Nützlichkeit und Brauchbarkeit
von Entscheidungen und Lösungen im jeweiligen Bezugsrahmen.
In diesem Artikel will ich versuchen, für Ihre Entscheidung über
die Brauchbarkeit und Nützlichkeit von Supervision für
Führungskräfte einen Mosaikstein in Ihr Repertoire
des Denkens, Fühlens und Handelns hinzuzufügen und
somit das Spektrum der Entscheiungsmöglichkeiten, so oder
so zu handeln, vergrößern. "Nicht Reduktion
ist angesagt, sondern Expansion der Komplexität. Handle
stets so, daß Du die Anzahl deiner Möglichkeiten
vergrößerst" (1).
Übertragen auf die Arbeit und die Beratung in sozialen
Organisationen, möchte ich gerne bei dem Begriff Supervision
bleiben. Das Ursprungsland der Supervision ist die Sozialarbeit
und es geht in supervisorischer Arbeit um Beratung für
Menschen in ihren Arbeitsproblemen. Supervision bezieht die
Organisation (Arbeitssystem) in ihrer Gesamtheit mit ein und
berücksichtigt die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander.
Die Begriffe Supervision und Coaching will ich nicht vergleichen,
es sind Konstruktionen und mal mehr oder weniger brauchbar.
Wichtig erscheint mir allerdings, daß jeder selbst der
beste Problemlöser für die Lernsituationen in seinem
Leben ist. Beratung kann helfen, eigene Antworten zu finden.
Das gilt auch für die Führungskraft: Sie kann niemand »entwickeln« -außer
sich selbst.
Wie sehen wir sie heute, die Manager und Führungskräfte
in sozialen Organisationen? Allmächtig für Mitarbeiter
und Kollegen, belastbar und leistungsorientiert? Als Sozial-Politiker
in Ausschüssen und Gremien?
Schauen wir uns ihr Tun und Handeln an, so erkennen wir, daß die
Führungskräfte eher - vom Mut getragen und von der
Einsamkeit der Entscheidungen geprägt - "Grenzgängern" gleichen,
die zwischen Extremen permanent abwägen müssen. Sie
befinden sich in einem spezifischen Problemdruck, sowohl im
Rahmen ihres Arbeitsverhaltens, als auch im Bereich ihres Freizeitverhaltens.
(2)
Führungskräfte sind »Grenzgänger«
Grundsätzlich kann festgestellt werden, daß Führungskräfte
mit einem hohen Arbeitszeitumfang belastet sind. Untersuchungen
(3) zeigen, daß Führungskräfte durchschnittlich
62% der Wachzeit und 70% ihrer Energie für den Beruf aufwenden
und das Wochenende keinesfalls zu 100% als Freizeit zur Verfügung
steht.
Es wird eine hohe Flexibilität erwartet und die Fähigkeit,
sich ständig neu zu orientieren und sich einrichten zu
können. Einrichten im Sinne von offen sein für das
Unerwartete, was dann oftmals doch nicht so unerwartet ist,
und ständig mit ihm rechnen. Unter dem immensen Kostendruck,
den die Organisationen sozialer Arbeit spüren und der
Härte des Wettbewerbs um Neuaufteilungen und Sicherung
sozialer "Elendsmärkte", birgt die Beschleunigung
von Abläufen und Entscheidungen zwischen Extremen auch
ein großes Konfliktpotential.
- die Gefahr der Vereinsamung und
- die Einsamkeit von Entscheidungen
nehmen zu
- das Risiko von Fehlentscheidungen steigt
- der Arbeitsvollzug
ist eher Reaktion als Aktion
- tägliche Sachaufgaben
verdrängen notwendige Führungsaufgaben
- Mitarbeiterführung
wird quasi nebenbei erledigt
- es entstehen realer und subjektiver
Zeitdruck/-not = Streß(faktor),
burn-out Phänomene
- und das Gefühl, das Leben "verleast" zu
haben
- hohe physische und psychische Arbeitsbelastung
Je höher Führungskräfte in der Hierarchie stehen,
um so eher entwickelt sich das Gefühl, daß die Abwesenheit
der eigenen Person sich unmittelbar auf die Abteilung bzw.
Organisation niederschlägt. Auch ist die Arbeitswelt immer
stärker nach den Kriterien Effizienz, Leistung, Rationalität
usw. strukturiert, so daß der Sozial-Manager kaum noch
in der Lage ist, Gefühle zu äußern und zu empfangen.
Daß die Signale der Führungskraft zur Intensivierung
der Kommunikation mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
von diesen häufig nicht wahrgenommen werden, verstärkt
die Einsamkeit und die von Entscheidungen noch zusätzlich.
Aber da gibt es noch eine andere Sichtweise. Bezeichnen wir
die Arbeit von Führungskräften als Höchstleistung,
so könnten wir die Grenzgänge unserer Sozial-Manager
mit den Grenzerfahrungen von einsamen "outdoor" Abenteurern
vergleichen. Zu weit hergeholt? Beiden gemeinsam ist eine gehörige
Portion Willen und Neugierde, die sie antreibt, erfolgreich
zu sein, aber auch das Ertragen von Belastungen und Mißerfolgen,
bis hin zum Scheitern.
Aber es gibt eine Unterscheidung, die Verantwortung. Wer führt
und leitet, trägt Verantwortung für die Menschen
in seiner Organisation. Und es geht nicht um das "Personal" als
Mittel, sondern um den Eigenwert der jeweiligen Personen, diese
zu fördern und zu fordern und ihrer Verantwortung und
ihren Fähigkeiten und den Zielen der Organisation entsprechend
mit ihm im Gespräch zu bleiben. Es ist evident, daß das
nicht einfach ist. Immer mehr kommt es auf die Qualität
der menschlichen Kommunikation an.
Was leistet Supervision ?
Führungskräfte brauchen, wie alle Menschen, Feedback,
Rückmeldung darüber, wie sie selbst und ihr Verhalten
wahrgenommen werden. "Wie führe und leite ich den
Verband?" Das Abgleichen der Selbst- und Fremdwahrnehmung
(Selbstreflexion) kann zu einer realistischen Gesamteinschätzung
führen und der "Blick über den Tellerrand" bedeutet
immer auch das Einnehmen einer neuen Perspektive, die das Spektrum
der Handlungspotentiale erweitert.
Supervision schafft hierfür den Rahmen in "sicherer" Atmosphäre,
weil freiwillig und verschwiegen, das Denken, Fühlen und
Handeln der Führungskraft zu reflektieren, auf bestimmte
methodische Weise Feedback zu geben und die "innere Balance" des
Supervisanden zu unterstützen. Methodisch bedeutet, daß (in
meinem Konzept) dem Supervisor die Rolle des "Störers" zukommt,
der die Kommunikationsregeln eines Systems nicht einfach bestätigt,
sondern irritiert, damit auf diese Weise Neudefinition, Neukonstruktion
möglich wird (4). Irritation als Plan und aus Liebe zur
Beratungsarbeit.
Welche Fragen sind nützlich in der Supervision mit Führungskräften?
- Wünsche der Konfliktreduktion
Problemzustand und Definition des Veränderungsziels.
Was genau ist das Ziel?
- Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung
Auf welches System richtet sich die Veränderungsarbeit,
(Einzelner, Team, Organisation)?
Wie tiefgreifend ist die Konfliktbearbeitung, was wird
tangiert und was dazu benötigt?
- individuellen Handlungspotentiale
welche Ressourcen können sinnvoll eingesetzt werden? Können
bestehende oder müssen
neue erschlossen werden, was bin ich bereit, zu investieren,
welche Sicherheiten sind notwendig?
Wie brauchbar ist der Führungsstil?
- Existenz (Bewußtmachen)
der diversen Rollen
Rollenkonflikte, welche Erwartungen stellt die Organisation
an mich?
Was wird abgedunkelt, welche Bewertungen und Erklärungen
werden angeboten?
- Streß- und Time-Management -(Möglichkeiten)
Entlastung finden und Ausgleichsmöglichkeiten nutzen
Was sind meine Anteile und Handlungsmöglichkeiten?
- Wege
zur Selbstakzeptanz
Ich bin ich, authentisch und glaubwürdig
Wo sind meine Ideale und Visionen?
Annäherung von Selbst- und Fremdbild
Supervision ist ziel- und ressourcenorientiert
zukunfts-
lösungs-
handlungsorientiert
Wohlfahrts-Manager sind im Beruf zahlreichen Konflikten ausgesetzt,
aktiv und passiv. Konflikte sind äußerst kräfteraubend
und können verletzen. Sowohl solche, die im Beruf als
auch solche, die bis in das Privatleben vorgedrungen sind.
Aber sie können auch eine Energiequelle sein, die Dinge
in Zukunft anders zu gestalten und neue Möglichkeiten
des Handelns zu erschließen.
Der Supervisor ist ein unabhägiger, unterstützender,
kritischer "Rückmelder". Die Aufgabe des Beraters
ist es, die Suchbewegung des Supervisanden zu fördern
und ihm zu helfen, eigene Erklärungen zu finden. "Es
könnte alles auch ganz anders sein" (Alfred Adler)
oder: es gibt mehr als eine Alternative für das, was wir
tun. Die Erweiterung unseres Denkens, Fühlens und Handelns
durch planvolle Irritationen, "Einführung" anderer
Sichtweisen und die Stellung der Probleme/Konflikte in andere
Bezugsrahmen, eröffnet wieder neue Möglichkeiten
A) innere Zugänge zu Gefühlen und Wahrnehmung wieder
zu erschließen und die innere Balance aufrechtzuerhalten
und
B) aus mehreren Verhaltensweisen und Handlungsmöglichkeiten
auswählen zu können.
Supervision initiiert Entwicklungsprozesse. Sie befaßt
sich ausschließlich mit der Realitätsbewältigung
und ist keine Zauberdroge. Sie soll ermöglichen, neue
Fragen zu stellen, Dialoge in Gang zu bringen, wieder Spaß an
der Arbeit zu haben, mit der wir so viel Zeit verbringen.
(1) Heinz v. Foerster, in H.J. Kersting, »Das gepfefferte
Ferkel«, IBS Aachen 1992, Beiträge zum Konstruktivismus
(2) Richard K. Streich, »Führungskräfte im
Spannungsfeld von Arbeit, Freizeit und Familie«, Teil
1, INPUT, Paderborn 1985
(3) Evans/Bartolomé, in R. K. Streich, aaO.
(4) Heinz J. Kersting, »Beratung und Supervision aus
konstruktivistischer Sicht«, in »Das gepfefferte
Ferkel«, aaO.
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