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"Zwischen Impuls und Resonanz" -
ein
Beratungs-Environment
Konferenzen kennzeichnen
sich in der Regel durch Vorträge, Rednerinnen und Redner,
Experten, workshops, eine Vielfalt von Beiträgen zu
einem Themenkomplex. Und es gibt TeilnehmerInnen, die sich
für bestimmte Themen interessieren, gezielt workshops
besuchen, von denen sie annehmen, Wissen zu akkumulieren,
unterhalten zu werden, Fragen beantwortet zu bekommen, zu "lernen"...
In diesem Experiment gab es weder Konferenz noch worshop,
sondern eine begehbare Beratungsumwelt in Form einer Ausstellung.
Schlingensiepen und Lorenzen beschreiben dies in ihrem Artikel.
Das Beratungs-Environment "macht doch was ihr wollt
- erweitere die Möglichkeiten" fand im Rahmen der
Konferenz der Systemischen Gesellschaft im Herbst 2003 in
Berlin statt.
Auf dem Kongress der Systemischen Gesellschaft
(SG) in Berlin - 26.-27.9.2003
„Systemische Supervision zwischen Macht und macht nix“
haben Ulrich Schlingensiepen und Ilona Lorenzen ein Beratungs-Environment präsentiert:
Macht doch was ihr wollt – erweitere die Möglichkeiten
Anhand der Aufgabenstellung in diesem Design
„Wir machen die Macht sichtbar, bewusst, handhabbar“
wurden zwei Dinge in der Ausstellung präsentiert:
1. Perspektivenerweiterung in komplexen Systemen
2. Selbstorganisationsmodelle: Möglichkeiten für Entwicklungssprünge
Die zentrale Leitfrage der Ausstellung war: Wann
macht das, was Sie tun, wirklich einen Unterschied?
Als Berater/in ist es ihr Job, Raum zu geben
um das Freiwerden von Potentialen zu unterstützen - und
andere Perspektiven anzubieten.
Das wurde dargestellt und gleichzeitig ausprobiert!
Die Ausstellung wurde in Echtzeit zu einem Workshop,
ein workshop, der sich selbst enthielt.
Beschreibung:
Es handelte sich um einen workshop, der in einem quadratischen Raum stattfand.
Alles war wie folgt vorbereitet: In der Mitte befanden sich die Insignien
der Macht, wie Krone und Zepter auf einem „Stummen Diener“.
Außen herum waren kreisförmig drei Gruppenarbeitsplätze eingerichtet.
Die Mitte war zugänglich, wurde jedoch durch das Stellen von drei Pinnwänden
zu einem Kreis. Die Pinnwände begrenzten den Raum in der Mitte bzw. definierten
diesen als Raum, der zugänglich war. Vor den Pinnwänden und außen
waren drei Stuhlkreise angeordnet.
Auf jeder Pinnwand befand sich auf der Seite
der Stuhlkreise folgendes:
I. Aufgabenstellung
Wir machen die Macht sichtbar, bewusst, handhabbar
Aufgaben heute:
1.
Bilden Sie Thesen, die für Sie in einem
Beratungsprozess bezogen auf Macht eine Bedeutung haben.
Empfehlungen, Leitsätze, Lustsätze, Thesen, Warnschilder, Zeichen,
Hinweise.
2.
Ordnen Sie den gefundenen Thesen den besten
Platz im Prozessverlauf zu. Unser Prozess hier ist das rote
Tauwerk.
Macht Fotos!
Können wir Macht abbilden?
Macht Fotos!
II. Fragen zur Selbstreflexion
- Worüber will ich als Supervisor Macht
haben
- Wann ist es kontraindiziert, als Supervisor
Macht zu haben
- Wie löst der Kunde in mir Machtgefühle
aus
- Welche Macht-Unterbrecher kenne ich
- Welche supervisorischen Instrumente fördern
die Macht der Supervisoren
- Welche Strategien verwenden Kunden, um Macht über
Supervisoren zu bekommen
- Was am meisten ist die Macht des Supervisors
in der Supervision?
- Weshalb habe ich nie Macht in Supervisionen?
- Wie lange sollte ich im Supervisionsprozess
Macht haben?
- Sind Supervisionsprozesse mit Machtanteil
erfolgreicher?
- Womit verführen Supervisanden mich,
Macht auszuüben?
- Woher weiß ich, wann ich als Supervisorin
Macht ausübe?
- Welche Machtstrategien sind mir bewusst?
- Welche Macht haben mein Kunden?
- Wie lange lasse ich meine Kunden die Macht
behalten?
- Was hindert mich, mich meiner Kunden zu bemächtigen?
- Was gefällt mir am meisten am Machtverlust?
- Macht Macht sexy?
- Ist Machtausübung eine Einbildung?
- Ist Macht machen?
- Wie oft kommuniziere ich Macht als Thema
in der Supervision?
- Kann ich als Supervisorin meine Kunden aus
Machtspielen erlösen?
- Schließen sich Macht und Verantwortung
aus?
- Wer hat die Macht im Dreieckskontrakt?
- Wann ist mir ein Prozess zu mächtig?
- Wie identifiziere ich Macht?
- Hat Macht etwas mit Zeit zu tun?
- Ist Macht Begrenzer oder Ermöglicher?
- Wie wird in Supervisionen Macht verschleiert?
- Welche Bedeutung hat Macht als Schaffenskraft?
- Ist Macht geil?
- Ist Macht in der Supervision Expertengewalt?
- Hat man mit Macht Verpflichtungen, welche?
- Was ist, wenn Macht in Kompetenz, Achtung,
Verantwortung und Vertrauen wurzelt?
- Wie funktioniert Macht?
- Wann entscheide ich mich, meine Macht abzugeben
(ein Leben nach der Macht)?
- Wie wird Macht gerechtfertigt?
- Welchen Anforderungen muss Macht genügen?
- Welche Vision habe ich von Macht?
- Glaube ich an die Schönheit von Macht?
- Macht oder Selbstorganisation: was hilft
bei der Chaos-Bewältigung?
- Nehmen Sie sich Macht?
- Welche Nebenwirkungen hat Macht?
III. Zeitschiene
Start 10.00
Design und Aufgabenerklärung
Wie es geht, was zu tun ist, dass fotografiert werden soll, wann man sich wieder
am Ende trifft und darüber redet.
Wechsel der Gruppen ist zur eigenen Perspektivenerweiterung möglich.
„ Sie haben hier und heute die Möglichkeit, ihre speziellen Anliegen
und/oder Hinweise zum Thema Macht in Beratungsprozessen zur Diskussion zu stellen.“
Phase I 10.15 – 11.45
Gruppen bilden sich, Pinnwände hinstellen
Einweisung Foto
Selbstorganisiert
Bestimmen Sie einen SCHREIBER
Auf Metaplankarten schreiben Sie:
Empfehlungen, Leitsätze, Lustsätze, Thesen, Warnschilder, Zeichen,
Hinweise.
Technik: Bilder übertragen auf notebook
und Monitor, Ablauf einer Diashow
Phase II 11.45 – 12.10
Zuordnung der Karten auf dem roten Tauwerk
Willkürliche Interpunktion des Anfangs durch uns
Phase III 12.10 – 12.30
Plenum
Pinnwände wegnehmen
Kreis gefüllt!
Auf der Pinnwandseite zur Mitte hin konnte folgendes
gelesen werden:
„ Die Reise des Helden“ Text von Harrsion Owen zu open space Konferenzen.
Im Raum hing an den Wänden das komplette Entwicklungsdesign aus: 5 Flipcharts
Im Raum befand sich weiterhin folgendes didaktische
Material:
notebook, Digitalkameras, Flipchart, Filzer,
Metaplankarten, Nadeln, Seil (rot), Stühle, Kaffee, schwarze
T-Shirts mit Text „Macht doch was Ihr wollt – Erweitere
die Möglichkeiten“
Die Ausstellung war als Anregung gedacht, dieses
workshopdesign zu übernehmen. Das WS-Design bestand daraus,
open space Elemente zu nutzen, Selbstorganisation, Selbststeuerung
und Selbstreflexion zu fördern, und zwar in dem Kontext
des Themas des Kongresses „Supervision zwischen Macht
und macht nix.
Die Ausstellung wurde mit Tagungsbeginn eröffnet
und sie erregte Interesse. Insbesondere die vorbereiteten Fragen
und die Möglichkeit „Macht“ zu übernehmen
(Krone aufsetzen). Die Teilnehmer arbeiteten selbstorganisiert
die für sie entscheidenden und spannenden Fragen durch.
Es ging lebhaft und unterhaltsam zu. Die Ausstellung war ein
Erfolg.
Die Ausstellungsbesucher hatten natürlich
keine Ausstellung erwartet und waren nach der Erkenntnis des
Unterschieds begeistert. Wir auch!
Reflexionen zum Verlauf der Ausstellung
„ Supervision zwischen Macht und Macht
nix“
Sich diesem Thema zu nähern, in Berlin und
mitten in Deutschland, das war schon eine Herausforderung.
Und wir haben uns wirklich mit dem Thema beschäftigt.
Es ging ja um systemische Supervision... Beratung... und konsequenter
Weise haben wir ein restlos systemisches Design entwickelt:
„ Macht doch was Ihr wollt - erweitere die Möglichkeiten“
ein Beratungs-Environment – eine Ausstellung.
Bevor wir hier jetzt zum Ende kommen ein Hinweis.
Dies ist ein Warnung: wir haben bezüglich dieses Textes
nichts vor, Lesen geschieht auf eigene Gefahr. Was Sie mitnehmen,
nehmen Sie auf eigene Gefahr mit. Wir übernehmen für
Ihre Gedanken keine Verantwortung. Nach Luhmann sind alle Arten
von Kommunikation riskant.
Das normale Kongress Design ist für Menschen
die systemisch denken, also soziale autopoietische Systeme, überholt.
Klassischerweise geschieht Wissenstransfer mit herkömmlicher
medialer Didaktik. Eine Power Point Präsentation erhöht
die Illusion, auch Bewusstseinstransfer sei möglich.
Im Kongress-Kontext bedeutet das, man greift Wissen ab, lernt etwas, trifft
Leute...
Wir haben andere Ankoppelungschancen und Ankoppelungsmöglichkeiten
gewählt und stellen ein neues Design dagegen: Kunst und
Selbermachen! Also kein typisches Kongressangebot. Ein brake,
weil es sicher die üblichen Erwartungen der Teilnehmer
nicht erfüllt.
Keine Vermittlung durch Vortragende!
Wir wollten zum Thema Macht nichts erklären
und auch keinen Transfer herstellen, dass wäre uns zu
linear gewesen. Auch hier: mach was du willst mit dem, was
da ist.
Der Begriff Transfer suggeriert eine nahezu 1:1 Übertragung eines Bildes
oder einer Erfahrung von einem Vortragenden in ein autopoietisches System,
nämlich zum Kongressteilnehmer. Damit ist die Annahme verbunden, Erfahrungen
könnten von einer Kontextsituation in eine andere Kontextsituation problemlos übertragen
und übernommen werden.
Erfahrungen des einen sind nicht durch Sprache
in den Existenzraum des anderen transferierbar. Wir können
nicht verstehen, generell verstehen wir uns nicht. Erfahrungen
sind nicht transferierbar.
Wir halten den Begriff der Resonanz für
brauchbarer.
Resonanz entsteht im System selbst, hier: im
System anwesender Teilnehmer. Es entstehen Schwingungen, Anschlüsse,
Wirkungen, die selbstreferentiell sind und mit der Welt des
Teilnehmers zu tun haben.
Die Entstehung von Realitäten geschieht
auf Grund von Resonanzen im System selbst. Der Teilnehmer erschafft
sich seine Wirklichkeit
Wir wollten Resonanz² erzeugen und benutzten
deshalb den Kunstgriff der “Ausstellung“.
Kunst spricht nicht! Kunst verweigert den sprachlichen
Dialog mit dem Künstler und zwingt den Betrachter zu eigenem
Tun. Kunst ist Aneignung und Verknüpfung von eigener Erfahrung
und eigener Erfahrung und eigener Erfahrung...
Wir wissen nicht, was der Beobachter macht, denkt,
tut, fühlt, sieht, hört, riecht, schmeckt... jetzt,
morgen, später.
Für den Künstler ist es irrelevant,
er weiß nichts vom Beobachter, so lange nicht, bis er
vom Beobachter ein Feedback erhält.
In einer Ausstellung wird der Besucher brutal
auf sich selbst zurückgeworfen. Getreu unserer Überschrift: „Mach
was Du willst - erweitere die Möglichkeiten“ erfolgt
die Aufforderung: Besucher, schließe bei dir selber an,
werde dir deiner Selbstreferentialität bewusst. Wir machen
nichts mit dir – wir kennen nicht deine Resonanzen.
Kunst redet nicht
Ein Kunstsystem, das „Beratungs-Environment“ stellt
sich in eine Kongressumwelt.
Mit Hilfe unseres Designs und unserem didaktischen Potential gestalten wir
eine Umwelt, die in hohem Maße Resonanzen und Selbstreflexion ermöglicht – zum
Thema „Macht in der Beratung“.
Das didaktische Potential:
Kreisform / Stühle / Raum / Pinnwände / Aufgabenstellung / Fragen
zur Macht / Flipchart / Filzer / Zeitschiene / Digitalkameras / Notebook /
Seil (rot) / Krone / Stummer Diener /
Waschbecken / T-Shirt / Kaffee
Unsere Entscheidung für die Wahl der Potentiale
war: wir wollten nichts vermitteln, sondern Besucher-Ressourcen über
Selbstreflexion anregen.
Überwiegend geschieht Kommunikation durch
Sprache. Die Kunst spricht nicht, sie gebraucht eine andere
Symbolik, um Anschlüsse zu ermöglichen.
Symbolisierung ist die Voraussetzung des Verstehens
und der Sinngebung.
Wenn die Aufgabenstellung und die angebotenen Fragen in der Ausstellung als
Symbol identifiziert werden und eine Frage des ICHs auslösen, geht das
Selbst in die Reflexion.
Mehr geht nicht – mehr kann man nicht erreichen!
Mit der güldenen Krone haben wir uns für
ein Symbol entschieden und in das Kommunikationssystem gestellt.
Die Krone ist eine Art von kulturellem Wissen, „Krone“ versteht
schon jeder 5jährige. Die Krone ist Symbol für eine
Kommunikationsform, die allgemein zugänglich ist. Dies
macht andere Erfahrungen möglich als sprachliche Kommunikation
und kann deshalb weiter zurückgreifen als der Gedanke.
Was passiert, wenn sich Besucher die Krone der
Macht aufsetzen?
Beim Aufsetzen der Krone beginnt das Feld der
Wahrnehmung, der Passung für den aktiven Besucher. Wer
setzt sich denn überhaupt die Krone auf?
Beobachten... Erkennen... Fragen...
Ob die Besucher zu Beobachtern ihrer selbst werden im Kontakt mit den Fragen
(Pinnwände) und der Krone... ?
Unsere Idee noch einmal an dieser Stelle: Vielfalt
der Potentiale und Offenheit ermöglichen Erfahrungen. „Krone
auf“ ist sinnliche Erfahrung des Machtgefühls und
fördert Bewusstseinsprozesse.
Die anderen Anschlussmöglichkeiten in dem
Beratungs-Environment wurden ebenfalls genutzt; die Fragen
zur Macht, die Aufgabenstellung, der Raum, Kaffee.
Ein weiteres weiteren Potential, welches wir
ausdrücklich anboten: „Macht Fotos“. Die Besucher
sind aufgefordert, während der Ausstellung mit Digitalkameras
zu fotografieren.
Die Fotografie ist ein Kunstgriff der Dissoziationen
und ermöglicht andere individuelle Ankoppelungen.
Die Kamera ist eine absolute Beobachtungsmaschine und sie ist ein Machtinstrument.
Beobachtung mit dem Objektiv ist Machtausübung!
Die Kamera ist zugleich das dritte Auge.
Dieses dritte Auge stellt eine zusätzliche Perspektive dar, ist ein zusätzlicher
Blick und lädt ein zu Experimenten, Wahrnehmungs- und Reflexionsexperimenten.
Die geschossenen Fotos wurden beinahe in Echtzeit am Monitor sichtbar gemacht.
Die Perspektive ändert sich.
Und schon ist es wieder eine Neuerschaffung. Nichts ist, wie es war. Neue Welten
entstehen. Neue Bilder.
Als Künstler sind wir stolz auf unser Beratungs-Environment,
wir haben viel Spaß gehabt.
Wir als Berater stellen Umwelten her, damit der andere ankoppeln kann und dessen
Selbstreflexion in Gang kommt. Je mehr Wahrnehmungskanäle angesprochen
werden, desto vielfältiger sind die Gedanken.
Alle Fragen, die angebotenen und die selbst entwickelten, bieten dem Kunden
eine neue Umweltkonstruktion und die Möglichkeit der Veränderung.
Wir wissen nicht was geschieht. Wir beobachten,
das die Besucher sich beobachten.
In dieser Hinsicht waren wir eigentlich nicht
da, als Künstler abwesend, haben niemanden in Kleingruppen
geschickt, und waren doch anwesend.
Das Beratungs-Environment war anwesend und wir mittendrin.
Es gab Kaffee, visuelle Konnotationen, nämlich
die fertigen Bilder und das T-Shirt.
Der Kauf des T-Shirts (noch zu haben) ermöglicht Ihnen auch heute noch
den Eintritt in Ihr persönliches Beratungs-Environment, „Macht doch
was Ihr wollt – erweitere die Möglichkeiten“.
Die Ausstellung geht weiter im Internet: senden Sie Fotos Ihrer Symbole der
MACHT: machtfotos@schlingensiepen.de
Wir bitten darum, das Design auszuprobieren und freuen uns über Feedback.
Ulrich Schlingensiepen – www.schlingensiepen.de
Ilona Lorenzen – www.oe-lorenzen.de |