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Experimente

Die Macht abgeben: Die Reise des Helden und der Heldin

Joseph Campbell, Mythologe par excellence, hat schon viele Menschen auf eine erstaunliche Reise mitgenommen. Ob man sich dieser Reise mittels Bill Moyers' Interviews oder der Bücher Campbells selbst angeschlossen hat - es war eine ereignisreiche Fahrt. Er hat uns weit über die Trivialitäten des Alltagslebens hinaus-geführt, tief hinunter in die inneren Bereiche der menschlichen Seele, zur Geschichte unseres Ursprungs und unseres Werdens, zu den alten Mythen, in denen die Mensch-heit das wachsende Bewusstsein ihrer Selbst und ihres Potentials festgehalten hat.

In unserer modernen Welt gibt es vieles, was sich gegen die bloße Vorstellung von Mythologie sperrt. Wir wissen mit der absoluten Gewissheit, die nur entsteht, wenn uns etwas von klein auf eingehämmert wird, dass Mythen unwahr sind, erfundene Geschichten, und unser rationaler Verstand ist längst über Geschichten hinaus. Wir wollen die Fakten, nichts als die Fakten. Jedenfalls sagen wir das.

Und dennoch, wenn die Geschichte erzählt wird, wenn der Mythenmacher den Stoff webt und entfaltet, der unserem Leben Sinn und Bedeutung gibt, brechen störende Erinnerungsblitze durch das rationale Äußere. Wie Yogi Berra sagen würde: „Schon wieder ein Dejä-vu." Wir kennen das, wir haben das schon erlebt.

Nirgends wird dieses Gefühl von Déjà-vu tief greifender erfahren als angesichts dessen, was Joseph Campbell den Heros in tausend Gestalten nennt, wie der Titel seines bahnbrechenden Buches lautet (dt.: 1978; Orig.: The Hero with a Thousand Faces, 1949). Vom Anbeginn der Geschichte, die in den mündlichen Überlieferungen der ersten Völker bewahrt blieb, bis zum heutigen Zeitpunkt erscheinen Helden und Heldinnen in unserer Mitte. Obwohl die Details variieren, ändert sich am Kern der Geschichte wenig.

Es war einmal, vor langer Zeit oder erst gestern morgen, dass irgendein gewöhnlicher Mensch etwas äußerst Ungewöhnliches tat. Aus der Normalität des Alltagslebens heraus beginnt eine Reise, bei der die Sicherheit des Altbekannten zugunsten unerforschter Mysterien aufgegeben wird. Der Reisende begegnet Gefahren, erlebt das Chaos und wird durch den Schrecken und den Gestank des Todes bis ins Mark erschüttert. Wie im feurigen Schmelztiegel des Alchimisten wird die Schlacke weggebrannt, die Seele gereinigt, und inmitten des Chaos erfolgt eine Bestätigung und Erneuerung des Lebens. Ein Held oder eine Heldin ist geboren.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Sollten die neugeschaffenen Helden oder Heldinnen das Machtpotential dieses neuen Lebens als persönlichen wohlverdienten Lohn in Anspruch nehmen, wird die heroische Bestimmung nicht erfüllt. Das ist der schwerste Teil, eine größere Bedrohung als jede vorangegangene Herausforderung: die Versuchung persönlichen Ruhms. Wer die Macht des Lebens für sich beansprucht, verliert sie, denn nur im Weggeben des Geschenks an die Machtlosen erfüllt sich die heroische Bestimmung. Im Paradox des Opfers manifestiert sich die heroische Bedeutung. Nur wer die Macht aufgibt, kann wahre Macht erlangen.

Open Space als die Reise des Helden oder der Heldin

Open Space fängt in einem Kreis an, was von den Teilnehmern zum allermindesten als befremdend, häufiger aber als Furcht einflößend und bedrohlich empfunden wird. Der Begleiter beginnt die Reise, indem er dem Weg des Schamanen folgt. Er schreitet den Innenkreis ab, setzt die Grenzen fest, initiiert den Prozess, durch den der Raum zum sicheren Raum wird, und fordert die Teilnehmer auf, den Kreis mit ihrem Geist zu erfüllen. Wenn die Begleitung zum Ausgangspunkt zurückkehrt, ändert sich

ihre Rolle; der Schamane verwandelt sich in den Helden, und eine Reise ganz anderer Art beginnt.

Die Begleitung tritt entschlossen in die Mitte des Kreises, dringt tief in unbekanntes und von den im Kreis Sitzenden als bedrohlich wahrgenommenes Territorium ein. Von einem Standort aus, an den niemand bereitwillig gehen würde, richtet sie das Wort an die Anwesenden. Der Grund für die Zusammenkunft (das Thema) wird genannt, und im Anschluss daran werden die vier Grundsätze und das eine Gesetz erläutert, die in dieser neuen Situation das Verhalten bestimmen werden.

Aber der Wortsinn ist nur ein kleiner Teil dessen, was mitgeteilt wird. Es kommt zu einer deutlichen Veränderung in der Energie und im Auftreten des Begleiters. An die Stelle des langsamen, gemessenen Schreitens, mit dem er anfangs den Kreis umrundet hat, treten schnellere, intensivere, zielstrebigere Bewegungen.

Während die Begleitung spricht, bewegt sie sich in einem fast willkürlichen Muster im Kreis hin und her, spricht die Teilnehmer manchmal im Vorübergehen an, hält dann wieder inne und richtet ihre Worte direkt und unmittelbar an die einzelnen Anwesenden. Von einer Seite zur anderen, von einem Ende des Kreises zum anderen, von Teilnehmer zu Teilnehmer werden unsichtbare Pfade gelegt, ein Netz der Sicherheit über den offenen Raum gesponnen.

Am Ende steht die Begleitung wieder in der Mitte des Kreises. Wieder verändert sich die Energie, von zielstrebiger Suche zu einem ruhigen Modus, und einladende Worte werden gesprochen, nicht als Befehl, sondern als Willkommen. „Ich bitte jetzt jeden, der dies tun möchte, in die Mitte des Kreises zu kommen und der Gruppe zu sagen, welches Thema ihm besonders am Herzen liegt. Nehmen Sie sich ein Stück Papier, schreiben Sie Ihr Anliegen darauf, unterzeichnen Sie es mit Ihrem Namen, und teilen Sie beides der Gruppe mit..."

Schweigen. Es scheint ewig zu dauern, aber in Wirklichkeit vergehen nur Sekunden. In diesem Schweigen streiten Angst und Erwartung miteinander, bis schließlich die Erwartung siegt. Jemand steht auf, um als erster die Reise anzutreten, fast augenblicklich gefolgt von zahlreichen anderen.

Plötzlich ist der Kreis voller Leute, die hastig das Thema niederschreiben, für das sie die Verantwortung übernehmen wollen. Der Geräuschpegel steigt, wenn die Leute ihr Thema bekannt geben und dann zur Wand gehen, um ihren Zettel dort aufzuhängen. Die kahle Wand wird zum öffentlichen Anschlagbrett, das voll ist mit den Hoffnungen, Erwartungen und Träumen der Anwesenden. Bleibt nur noch, sich für eine Arbeitsgruppe einzutragen und sich an die Arbeit zu machen.

Und die Begleitung? Wieder wandelt sich ihre Rolle - hatte sie vorher eine zentrale Rolle, so wird sie jetzt zum bloßen Zuschauer und praktisch unsichtbar. Während die Teilnehmer sich vor der Wand drängen, um sich ihre Arbeitsgruppe auszusuchen und die Details ihrer Zusammenarbeit zu klären, bleibt der Begleiter allein und unbemerkt zurück. Es ist Zeit für ihn zu gehen.

Jetzt übernehmen die Teilnehmer die Führung, und die Reise des Helden/der Heldin wird zur Reise von jedermann. Der Mantel der Autorität wird weitergegeben. Manchen steht er gut, anderen passt er nicht, aber alle, die der Aufforderung Folge leisten und sich an die Erkundung eines Themas machen, werden im Prinzip zu Helden oder Heldinnen auf ihrer eigenen Reise. Indem sie eine Arbeitsgruppe einberufen, um sich mit einer Frage zu beschäftigen, die ihnen ein leidenschaftliches Anliegen ist, betreten auch sie unbekanntes Terrain. Sollten sie versuchen, die Rolle des allwissenden Leiters zu übernehmen und die übrigen Teilnehmer über die Wahrheit zu belehren, tritt fast unweigerlich das Gesetz der zwei Füße in Kraft, und die Gruppe löst sich auf. Aber wenn die Macht verteilt und weggegeben wird, kann eine lebendige Gruppe entstehen, was auch meist geschieht. Der Mantel des Helden oder der Heldin wird weitergegeben, wieder und wieder...

Vom Beginn bis zu dem Zeitpunkt, wo die gesamte Unternehmung organisiert ist und die ersten Gruppen bereit sind, sich an die Arbeit zu machen, vergehen selten mehr als eineinviertel Stunden. Seltsamerweise bleibt diese Zeitspanne gleich, ob die Gruppen nun aus 25, 250, 500 oder mehr Teilnehmern bestehen. Von dieser Zeitspanne braucht der ursprüngliche Begleiter eine knappe Viertelstunde, um die Bedingungen festzulegen, die die ganze Gruppe vom Rande des Chaos zu einer produktiven Tätigkeit führen werden.

In dem Augenblick scheint es, dass die Zeit aufgehoben ist oder ewig andauert - suchen Sie es sich aus. Das gilt besonders für die überwältigende Phase, die in dem Moment beginnt, in dem die Einladung an die Teilnehmer ausgesprochen wird, und andauert, bis der erste aufsteht und in die Mitte geht. Für die Veranstalter, besonders wenn sie noch keine Erfahrungen mit Open Space gemacht haben, kann der Besorgnispegel ziemlich ansteigen. Wird überhaupt jemand in die Mitte kommen? Wird es klappen? Die Uhr scheint rückwärts zu laufen.

Für mich ist dieser Augenblick eine wundervolle Mischung aus etwas Spannendem und etwas Heiligem. Es ist der Augenblick der Schöpfung, und ich empfinde es als besonderes Privileg, ihn miterleben zu dürfen. Irgendwo in diesem Schweigen reift die Kreativität, und während ein Teil von mir ungeduldig darauf wartet, dass die Leute zur Tat schreiten, kostet ein anderer, vielleicht wesentlicherer Teil von mir einfach das Wunder des Ganzen aus.